Eine steife Brise weht uns entgegen, als wir die B72 bei der Abfahrt Strücklingen verlassen. Ziel unserer Motorradtour ist das idyllische Fehngebiet, welches die noch ursprünglichen Moore und Kanäle berührt. Nach Plan wurden dort, den älteren niederländischen Vorbildern folgend, seit Anfang des 17. Jahrhunderts die sogenannten Fehnsiedlungen gegründet. Dazu musste dieses Land, das aus menschenfeindlichem Moor bestand, durch den Bau von kleinen Seitenkanälen entwässert werden. Anschließend wurde Torf gestochen, der wichtiges Heizmaterial war, denn Holz gab es stets zu wenig.
Erst später konnte man an Ackerbau denken. Ein alter Spruch macht dabei die Sorgen und Entbehrungen der Moorbewohner deutlich: „Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot!“ Übersetzt bedeutet dies, dass die erste Fehngeneration im Moor ertrunken ist, die zweite Generation ihre Not damit hatte trockenen Fußes zu existieren und die dritte Generation schon von den Vorarbeiten der Ahnen profitierte. Kilometerlange Kanäle, Klappbrücken, Schiffe mit mächtigen Segeln, majestätische Windmühlen und gemütliche Backsteinhäuser mit leuchtend roten Ziegeldächern zu beiden Seiten der schnurgeraden Wieken sind charakteristisch für Rhauderfehn. Direkt am Verlaatshuus ist eine Schleuse neben dem Schöpfwerk nachgebaut worden. Früher war es ein wichtiger Verladeort für Güter, die mit Torfschiffen aus der Stadt Leer mitgebracht wurden. Einige Meter weiter dümpelt die Tjalk „Engelina“ im Rajen – Kanal. Wir parken die Motorräder vor einer schönen Jugendstilvilla, in der sich das Fehn – und Schifffahrtsmuseum befindet. Sammlungsschwerpunkte sind die Fehnkultur, Schiffbau und Schifffahrt.
Nach der Gemeinde Rhauderfehn durchqueren wir das bedrohlich wirkende Klostermoor.
Endurofahrern sei dringend empfohlen hier nicht ihrem Hobby zu frönen. Zu groß ist die Gefahr, abseits befestigter Wege im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen zu verlieren. Papenburg, die älteste und größte Fehnkolonnie erstreckt sich an über 40 Kilometer langen Kanälen. Wir steuern an der ersten Kreuzung gleich nach links und treffen so auf das Von – Velen- Museum, welches nach dem Gründer der Stadt benannt ist. Interessant sind dabei die aus der Entstehungszeit nachgebauten Fehnhäuser, von der Moorkate bis zum Acker – und Bürgerhaus.
In der Innenstadt parken wir bei dem neubarocken Rathaus. Direkt davor liegt eines von 7 typischen Schiffen, die zum frühen Reichtum der Stadt beitrugen. Wir schlendern entlang des Hauptkanals und genießen dabei die bunte Blütenpracht, die ein wahrer Augenschmaus ist. Wahrlich gigantische Ausmaße hat die Halle der Josef – Meyer – Werft. Von einem kleinen Aussichtspunkt gegenüber, kann man erst die Ausmaße von dem größten überdachten Trockendock der Welt erahnen. Wir folgen nun der Ems über ein abgelegenes und mit vielen interessanten Kurven gespicktes Sträßchen. Auf dem mächtigen Deich stehen „schwarz-weiß karierte Wiederkäuer“ und fungieren so als ökologischer Rasenmäher. Rechterhand entdecken wir die noch voll funktionstüchtige Galerie- Mühle von Mitling – Mark. Ihre Geschichte lässt sich über 400 Jahre zurückverfolgen. Im Müllerhaus beherbergt sie „Omas Küche“ , eine Sammlung von über 800 historischen Exponaten. In den alten Dörfchen, die wir durchqueren hoppeln wir über Jahrhunderte altes Kopfsteinpflaster.
Die wohl schmalste Brücke Deutschlands trägt uns über die Leda nach Amdorf.
Den Boxerfahrern unter uns wird dabei Angst und Bange um die Ventildeckel ihrer geliebten Flat-Twins. Etwas ratlos stehen wir kurze Zeit später vor dem Fluss Jümme. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten und fast schon ein Denkmal auf dem Wasser ist die historische „Pünte“ . Während des Sommers setzt der Fährmann hier noch wie in alter Zeit von Hand gezogen seine Passagiere übers Wasser. Da gerade Ebbe herrscht, machen wir notgedrungen eine Zwangspause , legen uns ins Gras und beobachten Fischreiher und Störche auf ihrer Beutejagd.
Leer, das „Tor Ostfrieslands“ ist von zwei Flüssen umgeben. Im Mündungsdreieck zwischen Leda und Ems entstand deshalb ein tidefreier Seehafen, in dem Schiffe aus aller Herren Länder vor Anker gehen. Bei einem Gang durch die historische Altstadt bewundern wir die alten prachtvollen Backstein-Fassaden im Stil des niederländischen Frühbarocks. Schon der Name Moormerland erweckt Vorstellungen über die Gegend, die uns jetzt erwartet. Marsch, Geest und Moor, soweit das Auge reicht. Die Fehnorte, die wir passieren wurden schon im 17. und 18. Jahrhundert gegründet. Damals war das eng miteinander verwobene System der Fehnkanäle der wichtigste Transportweg für die im unwegsamen Moor gegründeten Siedlungen. Zwar haben die Wieken ihre Bedeutung als Lebensadern der Fehne längst verloren, aber immer noch bestimmen Kanäle mit den Häusern zu beiden Seiten das Bild der langgestreckten Fehndörfer.
Überaus interessantes über die Windenergie erfahren wir in Großefehn.
Auf der Mühlenstraße finden wir das sogenannte Mühlenquintett: Eine Holländermühle von 1812, eine hundertjährige Holländermühle, eine Galerie-Holländer von 1804 und noch eine Holländer-Windmühle als Prachtexemplar. Alle Mühlen sind reetgedeckt und voll funktionstüchtig. Mit einem weitverzweigten Kanalnetz mit unzähligen Klappbrücken empfängt uns Wiesmoor. Wir folgen im „ Blumenbeet Niedersachsens“ dem Nordgeorgsfehnkanal in Richtung Remmels. Neben der Straße breitet sich auf 300 ha das Neudorfer Moor – ein wiedervernästes Naturschutzgebiet – aus.
Da es nicht betreten werden darf, wurde ein Aussichtspunkt errichtet, von dem das Areal überblickt werden kann. Barßel, ein alter Seemannsort im Binnenland, ist schleusenlos mit der Nordsee verbunden. Wir entdecken unzählige Boote von Freizeitkapitänen im idyllischen Hafen, der sogar von einem kleinen Leuchtturm bewacht wird. Ein besonderes Stück Geschichte dieser Region wird im Moor – und Fehnmuseum in Elisabethfehn dargestellt. Direkt an einem auf seiner ganzen Länge noch schiffbaren Fehnkanal hat das Museum in einem historischen Schleusenwärterhaus sein Domizil und bietet in seinen verschiedenen Abteilungen einen Überblick von der Entstehung der Moore über den Torfabbau bis hin zur Fehnkultur.
Noch vor nicht all zu langer Zeit musste man allerhand Beschwernisse auf sich nehmen.
Ausgedehnte und weglose Hochmoore schlossen die Ansiedlungen der Saterfriesen praktisch von der Aussenwelt ab. Sie waren nur nach langem Frost sicher zu passieren. Ihre alte Sprache haben die Saterfriesen aber in unsere Zeit hinübergerettet. Selbst in den Lehrplänen der Schulen hat „Seeltersk“ wieder einen Platz gefunden. Wir verlassen nun die kleinste Sprachinsel Europas wieder und gelangen so zu unserem Ausgangspunkt zurück. Auf unserer Tour über die Fehnroute erlebten wir das noch ursprüngliche und beschauliche Gebiet entlang der alten Wasserstrassen. Und obwohl eine steife Brise oft versuchte uns vom rechten Wege abzubringen, ereichten wir wieder trockenen Fußes unser Ziel.
Reiseinfos Fehnroute
Rhauderfehn Das Fehn- und Schifffahrtsmuseum befindet sich in einer ehemaligen Kaufmannsvilla aus wilhelminischer Zeit. Sammlungsschwerpunkte des Museums sind die Fehnkultur, Schifffahrt und Schiffbau. Bestandteil des Museums ist auch die Alte Schmiede, die an Aktionstagen noch in Betrieb ist.
Papenburg Papenburg liegt im Binnenland und verfügt dennoch über einen Seehafen. Die Geschichte der Stadt lässt sich auf die Wasserburg „Papenborg“ zurückführen, die inmitten von Moor an der nördlichen Grenze des ehemaligen Fürstbistums Münster lag. Unbedingt sehenswert ist die Meyer-Werft mit dem größten Trockendock der Welt.
Leer Der ursprüngliche Handelsort im Mündungsdreieck zwischen Leda und Ems gelegen ist heute zu einem Schwerpunkt von Handel, Industrie, Bildung und Kultur geworden. Die Geschichte Leers, deren Zeugnisse noch in Form von alten Bürgerhäusern und Kirchen zu bewundern sind, werden bei einem Bummel durch die Stadt lebendig.
Wiesmoor Aus gutem Grund wird Wiesmoor auch die „Blumengemeinde Ostfrieslands“ genannt. Ein über das ganze Jahr in den Gewächshäusern heranwachsende Blütenmeer und ganz besonders das Blütenfest lassen nicht nur das Herz der Botaniker höher schlagen.
Barßel
Barßel begeistert nicht nur durch seinen kleinen idyllischen Hafen, von wo aus Rundfahrten über die urtümlichen Flusslandschaften unternommen werden können. Auch Petrijünger kommen an den fischreichen Gewässern voll auf ihre Kosten.
Beliebte Treffpunkte Biker trifft man oftmals in kleinen Hafen von Barßel. Ebenfalls genießen viele die Ausblicke auf die Meyer- Werft vom Völlenerwehrdeich aus. Ein beliebter Anziehungspunkt ist auch die historische Jümme Fähre. Der BMW Händler Theo Kramer in Strücklingen veranstaltet seit mehreren Jahren im Mai seine schon legendäre „Theos Tour“. Infos unter 04498/92400.
Kulinarische Highlights Typisch, weil in jedem Gewässer vorhanden, ist Fisch. Auch der geräucherte Aal ist hier zu Hause. Empfehlenswert ist die Aal- und Fischräucherei Prahm in Apen. Auch unbedingt auszuprobieren das berühmte Dampfbier im Strücklinger Hof in Strücklingen.