Gleich vier Fährleute der Caledonian MacBrayne, kurz Calmac, winken uns freundlich an unseren Platz auf dem Parkdeck. Noch während wir vom Motorrad steigen, zeigt einer von ihnen wortlos auf die sich an der Bordwand befindlichen Taue, und plötzlich hat keiner der Angestellten mehr Zeit für uns. Das heißt also: selbst verzurren. Amateurhaft machen wir uns ans Werk, schielen auf die zwei weiteren Motorradfahrer an Bord, welche jedoch genauso ratlos dreinschauen wie wir.
Entspannt genießen können wir die Überfahrt von Ardrossan auf die Insel Arran nicht wirklich, denn der starke Seegang gibt uns immer wieder Anlaß, aufs Parkdeck zu laufen und nach dem Rechten zu sehen. Und nach etwa einer Stunde sind alle Fährleute wieder da, um uns freundlich vom Schiff zu lotsen.
Wir sind froh unser erstes Ziel erreicht zu haben.
Locker und entspannt rollen wir von Bord und starten direkt von Brodick aus unseren Rundkurs um die schottische Ferieninsel, wobei wir fast ständig Blick aufs Meer haben. Bereits in Whiting Bay zahlt sich unser gut organisiertes Gepäck aus, denn wir müssen Motorradstiefel gegen Wanderschuhe eintauschen, um die Giants´Graves und den Glenashdale Wasserfall ansehen zu können. Zwar sind diese nur eine halbe bzw. ganze Meile Fußmarsch vom Parkplatz entfernt, eine steile Treppenpassage und matschiger Untergrund haben es jedoch in sich. Ein neolithisches Steingrab und ein fantastischer Blick auf den Wasserfall entschädigen allerdings für den schweißtreibenden Aufstieg.
Die Steinkreise von Machrie Moor sind auf ebenem Weg zu erreichen. Doch auch dies ist angesichts der morastigen Weiden nicht ganz unkompliziert. Anfangs hüpfen wir noch von einer trockenen Stelle zur nächsten. Nach dem ersten Fehltritt geben wir das jedoch auf. Wenn die Füße ohnehin schon naß sind, kann man schließlich auch genüßlich durch die Moorlandschaft waten. Der Besuch einer Whiskydestillerie war für Arran nicht geplant, denn für Whisky ist eigentlich die Insel Islay bekannt. Umso erstaunter sind wir, als wir in Lochranza, einem malerischen Örtchen im Norden der Insel, auf eine Destillerie stoßen. Die Isle of Arran Distillers Ltd. stellt hier erst seit 1996 Whisky her. Die Queen ließ es sich nicht nehmen, das nur ein Jahr später errichtete Besucherzentrum persönlich einzuweihen. Eine Führung ist sehr zu empfehlen, nicht zuletzt wegen der Verkostung am Ende des Rundgangs. Zurück in Brodick beschließen wir den Tag im Garten des Brodick Castle, wo der Rhododendron gerade in voller Blüte steht. Wir verlassen Arran, kreuzen kurz die Halbinsel Kintyre und erreichen nach zweistündiger Überfahrt Port Ellen auf Islay. Entlang der Südküste passieren wir mehrere Destillerien, die selbstverständlich Tür und Tor für Touristen offenhalten.
Das Kildalton Cross gilt als das schönste schottische Hochkreuz
Es befindet sich auf einem Friedhof kurz hinter dem Dorf, das dem Kreuz seinen Namen gab. Unser Streifzug über die Insel führt uns weiter zu den idyllischen Örtchen Bowmore, Port Charlotte oder Port Wemyss, die mit malerischen Häfen und traumhaften Ausblicken auf Leuchttürme aufwarten. Über den schmalen Sound of Islay bringt uns die Fähre auf die Insel Jura. Wer Einsamkeit sucht, wird diese Insel lieben. Tatsächlich gibt es hier nur eine einzige Straße, die sich entlang der Ostküste nordwärts schlängelt. Unser Ziel ist das Haus George Orwells in Barnhill, in dem er Ende der 40er Jahre in völliger Abgeschiedenheit seinen Roman “1984” schrieb.
Heftiger Regen und unabschätzbar tiefe Pfützen auf der ohnehin immer schlechter werdenden Straße zwingen uns zur Aufgabe. Und während wir am Abend bei verhaltenem Sonnenschein die Spieler auf Port Ellens Bowling Green beobachten, erfahren wir, daß Orwells Farmhaus ohnehin nur über einen 13 Kilometer langen Fußmarsch zu erreichen gewesen wäre. Mull ist die regenreichste der schottischen Inseln, und so ziehen wir bereits auf der Fähre nach Craignure -wir werden übrigens immer besser im Motorradverzurren- vorsorglich unsere Regenkombis über und bis zum Verlassen der Insel auch nicht mehr aus. Bereits vom Wasser aus sichtbar, thront auf einer Landzunge Duart Castle, der Sitz des Clans der MacLeans. Und von diesen MacLeans gibt es nicht gerade wenige. Dies müssen wir schmerzlich bei unserer Zimmersuche feststellen, denn wir haben ausgerechnet das Wochenende erwischt, an dem das alle vier Jahre stattfindende MacLean Gathering zelebriert wird. Clanmitglieder, natürlich im Tartan des Clans gekleidet, aus der ganzen Welt bevölkern für wenige Tage die Insel, feiern zusammen und sorgen für ausgebuchte Pensionen.
Hauptort der Insel ist Tobermory.
Dieser Ort ist besonders für die bunten Häuserfassaden rund um den Hafen bekannt. Hier finden wir dann auch noch ein Zimmer. Die Wirtin ist selbstverständlich eine MacLean. Wunderschöne Kontraste bietet die Küstenstraße im Nordwesten Mulls. Zur einen Seite das Meer mit zauberhaften Ausblicken auf verschiedene Inseln und zur anderen die Berge, aus denen sich immer wieder kleine Bäche ins Meer ergießen. Höhepunkt ist der Eas Fors - Wasserfall, der sich tosend über drei Stufen seinen Weg bahnt, um schließlich in den Loch Tuath zu stürzen. Im Süden der Insel fahren wir durch das Glen More-Tal.
Besser gesagt, wir schlängeln uns hindurch, denn wenn man hier nicht gerade dem entgegenkommenden Verkehr ausweichen muß, so sollte man trotzdem auf der Hut vor unkontrolliert über die Straße rennenden Schafen, Kühen und Highlandrindern sein. In Fionnphort lassen wir das Motorrad stehen, um uns in ein Abenteuer zu stürzen. Wir möchten nach Staffa. Wie eine Nußschale dümpelt das Boot im Meer, wer außerhalb der Kajüte sitzen muß, bekommt einen Friesennerz übergeworfen, denn die Wellen übersteigen oft die Bordwand. 45 Minuten später und um einige Mageninhalte leichter, erreichen wir die aus Basaltgestein entstandene Insel, das Ende des in Nordirland beginnenden Giant´s Causeway. Nachdem wir die bis zu 20 Meter hohen Lavapfeiler, die an Orgelpfeifen erinnern, ausgiebig betrachtet haben, laufen wir ans andere Ende der Insel, um dort die lustigen Papageitaucher beim Fische erbeuten, Brüten und Schnäbeln zu beobachten. Auf der Rückfahrt legen wir noch an der Insel Iona an. Unbedingt sehenswert ist hier das Kloster des irischen Heiligen Columba, dessen Ursprünge auf das Jahr 563 datiert sind. Die reguläre Personenfähre der Calmac bringt uns später wieder zurück nach Mull.
Unser nächstes Ziel ist die Isle of Skye.
Von Armadale aus fahren wir die Ostküste hinauf gen Norden. Wir machen einen Stop in Portree, dem Hauptort der Insel, dessen beschaulicher Hafen mit den bunten Häusern ein gern gewähltes Fotomotiv darstellt. Es ist Samstag, und im Ort findet gerade ein Dudelsackspieler-Treffen statt. Am Abend wird hier in den Pubs gedudelt werden, was das Zeug hält. Vom Hafen aus lassen sich schon die Felsnadeln des Old Man of Storr sehen. Nur wenige Kilometer weiter lassen wir uns von den Lealt Falls verzaubern. Und einen Katzensprung entfernt gibt ein Aussichtsparkplatz den Blick auf den Kilt Rock frei, der seinen Namen aufgrund seiner an einen Kilt erinnernden Falten trägt.
Hinter Staffin erhebt sich das Quiraing-Massiv. Bereits die Auffahrt zum Wanderparkplatz ist atemberaubend. Und wen das Storrmassiv bereits fasziniert hat, der sollte sich nicht scheuen, zu den Basaltzacken mit den klangvollen Namen Nadel oder Gefängnis zu wandern. Mit einem traumhaft schönen Blick über Insel, Meer, Lochs und saftig grüne Hänge wird man belohnt. Von Uig aus setzen wir über nach Tarbert, unserem ersten Hafen auf den Äußeren Hebriden.Wir befinden uns auf der Doppelinsel Lewis und Harris, wobei letztere den weitaus kleineren Teil der Insel ausmacht. Harris ist berühmt für seinen Tweed, den man hier direkt beim Erzeuger erwerben kann. Die Orientierung fällt im ersten Moment schwer, denn auf den meisten Straßenschildern stehen gälische Bezeichnungen ohne englische Übersetzung. Bemüht man sich aber, diese Wörter laut auszusprechen, lassen sich schnell Rückschlüsse auf die in der Straßenkarte stehenden Ortsnamen treffen. Wir folgen der Golden Road entlang der schroffen Ostküste südwärts, genießen zauberhafte Ausblicke auf die zerklüfteten Fjorde, und erst bei genauerem Hinschauen fallen uns die Ruinen der aus Steinen gebauten Black Houses auf, die sich sehr harmonisch in die felsige Karstlandschaft einfügen.
Traumhafte Badebuchten finden wir an der Westküste Harris.
Weiße Sandstrände, türkisfarbenes Meer, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und weit und breit ist niemand zu sehen - es ist paradiesisch. Auf Lewis folgen wir der A859 und später der A858, um in Callanish eines der wichtigsten Zeugnisse der Steinzeit zu besichtigen. Die Standing Stones of Callanish sind in Form eines keltischen Kreuzes errichtet und bergen in ihrer Mitte ein Ganggrab. Faszinierend, dass die Steine auf Winter- und Sonnenwende, Tag- und Nachtgleiche ausgerichtet wurden, und das bereits vor 5000 Jahren. Rund um Callanish finden sich noch viele kleinere aber nicht weniger interessante Steinkreise.
An der Küste entlang in Richtung Norden finden wir nur ein paar Kilometer entfernt den Dun Carloway Broch. Brochs sind eisenzeitliche Fluchtburgen mit bis zu 9 Meter hohen, dicken Steinwänden. Hin und wieder sehen wir die strohgedeckten Black Houses am Straßenrand. Meist dienen sie als Museen. Und so erfahren wir, daß sie ihre Namen von den Torffeuern erhalten haben, die ohne Rauchabzug in den fensterlosen Häusern brannten. Torf gibt es reichlich auf der Insel , und er wird auch heute noch zum Heizen verbraucht. Nicht umsonst sieht man in den meisten Höfen einen Stapel Torfscheite lagern. Der nördlichste Punkt der Insel heißt Butt of Lewis. Ein Leuchtturm thront hoch über den spektakulären Klippen, auf denen verschiedene Seevögel brüten und vor denen sich eine Seehundkolonie im stürmischen Atlantik tummelt. Als wir nach North Uist übersetzen, stellen wir fest, zu Profis im Verzurren von Motorrädern geworden zu sein und bieten nun schon gern anderen unsere Hilfe an. Auf der Insel kommen Liebhaber von Steinkreisen und Monolithen voll auf ihre Kosten. Wir beschließen hier auf Uist unsere Island Hopping Tour. Bleibt nur noch zu klären, warum die Inseln Hebriden heißen. Dies geht auf die Wikinger zurück, die das Gebiet Hav bred Ey, Inseln am Rand des Meers, nannten.
Reiseinfos Hebriden
Klima: Mai und Juni gelten als Sonnenmonate. Es fallen die geringsten Niederschläge. Allerdings liegen die Tageshöchsttemperaturen nur bei durchschnittlich 13°C. Die wärmsten Monate sind der Juli und der August mit ca. 16°C. Es empfiehlt sich nicht, die Reise ohne Regenkombi im Gepäck anzutreten. Aufgrund der ständigen Wetterwechsel auf den Hebriden, sind komplett verregnete Tage jedoch selten anzutreffen.
Anreise: Für einen Aufenthalt von bis zu 6 Monaten können EU–Bürger ohne Visum mit ihrem gültigen Personalausweis einreisen. Wer wertvolle Urlaubszeit sparen will, reist am besten über Nacht mit der Fähre an. DFDS Seaways bietet Verbindungen von Amsterdam bzw. Hamburg nach Newcastle an. Von Zeebrügge bzw. Rotterdam nach Hull gelangt man mit North Sea Ferries. Eine Alternative zum Fährefahren ist nach wie vor der Eurotunnel von Calais nach Folkstone. Die Züge fahren alle 20 Minuten. Eine vorherige Buchung ist nicht erforderlich.
Inselhopping: Caledonian MacBrayne verbindet auf zahlreichen Routen die einzelnen Inseln untereinander. Mit dem Island Rover Ticket kann man für 8 oder 15 Tage ganz nach Belieben zwischen den Inseln springen. Hopscotch-Tickets gibt es für 26 verschiedene festgelegte Routen. Selbstverständlich gibt es auch normale Einzeltickets, wobei die Preise je nach Länge der Strecke variieren. Alle Routen, Fahrpläne und Preise sind unter www.calmac.co.uk nachzulesen.
Währung: Die amtliche Währung ist das Britische Pfund, wobei einige schottische Banken auch schottische Banknoten ausgeben. Am günstigsten tauscht man bereits zu Hause, oder man zieht einfach vor Ort am EC-Automaten. Ein Pfund sind etwa 1,50 €uro. Kreditkarten werden in den meisten Geschäften, Unterkünften und Lokalen akzeptiert.
Unterkunft: Sehr beliebt und fast überall anzutreffen sind Bed&Breakfast Pensionen. In der Regel vermieten hier private Haushalte zwei oder drei Zimmer, so dass der Familienanschluss praktisch vorprogrammiert ist. Authentischer kann man Land und Leute nicht kennenlernen. Die Preise belaufen sich auf 15 bis 20 Pfund pro Person, üppiges Frühstück inklusive. Guesthouses und Hotels sind entsprechend teurer.
Karten: Die besten Erfahrungen haben wir mit der Michelin Karte Nr. 401 gemacht. Der Maßstab beträgt 1 : 400.000
Sonstiges: Bei der Einreise nach Großbritannien müssen die Uhren um eine Stunde zurückgestellt werden. Praktisch ist ein Reiseadapter für die Steckdosen, da sowohl die Form der Steckdosen als auch die Spannung deutlich anders ist als zu Hause.