Dort, wo die Pyrenäen ins Mittelmeer stürzen, ist die Welt frühmorgens noch in Ordnung. Wir wedeln mit unseren vollbepackten Enduros über die mit unzähligen Serpentinen gespickte Küstenstraße der Cote Vermeille. Nur ein paar alte, bunt bemalte Fischerboote dümpeln in der noch ruhigen See. Uns zieht es jedoch in die Berge, noch bevor die ersten Sonnenanbeter die reizvollen Badebuchten in Beschlag nehmen. In Banyuls-sur-Mer finden wir an der Avenue General de Gaulle die Abzweigung zum Collado de Banyuls. Bald verengt sich die Straße, um sanft durch die Weingärten hindurch anzusteigen.
Auffallend ist, dass die Trauben im Vergleich zu den übrigen Anbaugebieten des Languedoc Roussillon hier an ausgeprägten Steilhängen gedeihen. Nach einer Kurve erscheinen die baufälligen Gebäude von Jaca de l’Home und dahinter die hufeisenförmige Senke des Col de Banyuls. Auf dem 357 Meter hohen Pässchen erinnert eine Gedenktafel an die Flüchtlinge, die im Zweiten Weltkrieg diesen Schleichweg benutzten. Die Abfahrt auf der spanischen Seite entpuppt sich als wahrer Endurotraum. Der Wein weicht der für den Mittelmeerraum so typischen Macchia. Nur ab und zu stehen einsame Gehöfte in der sonnenverbrannten Landschaft.
In La Preste beginnt der Einstieg zum Colla des Roques Blanques.
Dies bedeutet übersetzt nicht anderes als `` Paß der weißen Felsen``. Und tatsächlich, wie riesige Obelisken liegen die weißen Steine in der Gegend umher. Am Paßscheitel genießen wir die berauschende Aussicht , die bis in die spanischen Sierras reicht. Immer wieder zieht uns der Pic du Canigou in seinen Bann. Oberhalb von Prades gründeten vor 1100 Jahren Mönche das Kloster St. Michel-de-Cuxa. Am Fuße des Canigou gelegen, erlebte das Kloster unter Oliba, einem Urenkel von Wifred dem Behaarten, seine Blütezeit. Oliba, der als reformfreudig und kunstfördernd galt, verdanken wir den romanischen Baustil im heutigen Südfrankreich und Nordspanien.
Der Aufstieg zum Chalet des Cortalets erweist sich als sehr mühsam. Nach 20 engen geschotterten Kehren passieren wir einen Felstunnel. Finstere Wolkenfetzen jagen an der Nordwand des Canigou-Massivs empor, es wird schlagartig kalt. Eine gespenstige Atmosphäre entsteht. Das Chalet des Cortalets dagegen lädt dann bei herrlichem Sonnenschein in 2175 Meter Höhe zur Rast ein. Ein köstlicher Salade de Canigou entschädigt für die holprige Auffahrt. Gesättigt legen wir uns auf die über und über mit Alpenrosen bedeckte Bergwiese und beobachten lange das Spiel der Wolken.
Weit wirft die Pedraforca die Schatten ihres Zwillingsgipfels.
Diese treffen direkt auf die an ihrem Fuße gelegenen Bergdörfer. Im letzten Licht der Sonne finden wir unterhalb von Saldes einen von einer fantastischen Landschaft umgebenen Campingplatz. Orange leuchten am nächsten Morgen die Canyons der Sierra del Cadi. Käme jetzt noch John Wayne auf seinem Bronco um die Ecke, wäre die Westernillusion perfekt. Bei dem kleinen Dorf Gosol, das einst schon den jungen Picasso inspirierte, endet die Asphaltstraße. Rund um den alten Dorfbrunnen, der uns mit seinem köstlichen Quellwasser erquickt, sitzen die älteren Senores und halten Siesta.
Wir fahren weiter zum Col de Josa. Eng windet sich die Piste am Fels entlang. Mehrfach entdecken wir in den Abgründen die Wracks von abgestürzten Fahrzeugen. In einer Talsenke biegen wir rechts ab, um das Pedraforca-Massiv zu umrunden. Allein sollte jedoch niemand diese Strapazen auf sich nehmen. Wer in dieser Einöde liegenbleibt oder einen Unfall hat, wird sonst lange warten müssen, bis Hilfe kommt.
Anschließend beginnt ein malerischer Canyon
Entlang eines Wildbachs windet sich ein enger Pfad. Nur eine von vielen Möglichkeiten, sich auf eine halsbrecherische, weil wirklich sehr gefährliche Pistenhatz einzulassen. Wen diese Warnung nicht schreckt, der kann die nötigen Informationen in der örtlichen Wanderkarte finden und sich dann gut gerüstet auf Entdeckungstour gehen. Es ist nicht gerade einfach, aus dem Labyrinth der Sierra del Cadi zu gelangen. Wir folgen dazu dem Lauf des Rio de la Vansa in westlicher Richtung. Ab Sorribes beginnt dann die wohl schönste Piste weit und breit.
Permanent wechseln die Felsen ihre Farben von kalkweiß bis hin zu rostrot. Schwärme von Schmetterlingen nehmen uns die Sicht. In Andorra la Vella geraten wir in die totale Rush-hour. Es wuselt wie in einem großen Ameisenhaufen, kauflustige Südeuropäer traben durch das zollfreie Einkaufsparadies zwischen Frankreich und Spanien. Mit mehreren Plastiktüten gleichzeitig behängt, stürzen sie sich auf Zigaretten, Parfüm und Spirituosen.
Dieser Massenbetrieb behagt uns nicht.
Wir ziehen es vor außerhalb von la Vella eine Unterkunft zu suchen. Und wir haben Glück: Nach einigen Kilometern finden wir in St. Julia de Loria einen komfortablen Campingplatz. Von großem Vorteil für die Nachtruhe erweist sich das Rauschen des direkt neben unseren Zelten vorbeifließenden Rio Valira, das jeden Verkehrslärm übertönt. Weit ausladende Serpentinen lassen uns rasch an Höhe gewinnen, enden aber wie so oft schon bald in einem riesigen Parkplatz. Ab jetzt beginnt eine Schotterpiste, die vorbei an Kuh- und Pferdeherden zum Tunnel de Rat führt. Vom 2542 Meter hohen Ostportal aus versuchen wir den Durchbruch nach Frankreich, scheitern jedoch an heimtückischen Eisplatten und knietiefen Sturzbächen.
So treten wir den geordneten Rückzug an und widmen uns dem Gipfel Port de Cabus, der bei Sonnenuntergang jedes Fotografenherz zum Zerspringen bringt. Der Ausblick auf verträumte Pyrenäendörfer und das Panorama der Coma Pedrosa graben sich tief in unsere Erinnerung ein. Nur zögernd machen wir uns schließlich bei Einbruch der Dunkelheit wieder auf dem Rückweg ins Tal. Tags darauf verlassen wir Andorra, passieren die spanische Grenze und halten uns weiter in nordwestlicher Richtung. Auf den zum Teil unbefestigten Nebenrouten zeigt sich die Gegend von ihrer ursprünglichen Seite. Bis auf 1600 Meter führt uns der Asphaltbandwurm hinauf, die graubraunen Dörfer mit ihren roten Schieferdächern machen einen ziemlich gottverlassenen Eindruck. Oft existiert nicht einmal ein Schild, das dem Fremden den Namen der Ortschaft mitteilt.
Einsam und fast verlassen liegt Chia an einem Hang des Rio Esera.
„20 km para Plan“ ist provisorisch mit einer Farbdose auf eine Hausmauer am Ortsende gesprüht. Eng windet sich die Piste durch Felder blühenden Steinginsters empor zum Puerto de Sahun. Im Hintergrund glänzt das ewige Eis des Aneto, der mit 3408 Metern gleichzeitig der höchste Berg der Pyrenäen ist. Diese Offroadexkursion ist damit zweifelsfrei der Höhepunkt unserer Tour. Inmitten einer ausgedörrten Erosionslandschaft liegt das mittelalterliche Städtchen Ainsa. Abend schlendern wir durch die engen, gepflasterten Gassen, die direkt ins Mittelalter zu führen scheinen.
Auf dem historischen Marktplatz verspeisen wir eine herzhafte „Pyrenäenplatte“, garniert mit einheimischen Spezialitäten wie Jamon, Aspargus und Ziegenfleisch. Unsere Route führt uns weiter nordwärts durch das leuchtende Gelb gedrungener Ginsterbüsche, die einzigen Farbkleckse in der ansonsten öden Landschaft der Sierra del Garladon. Die kurvenreiche Strecke in das Tal des Rio de Galego und ein Teppich gigantischer Kuhfladen verwandeln die Abfahrt in einen schwierigen Slalomparcour. Langsam nähern wir uns tags darauf dem Einzugsgebiet des Atlantik. Die Vegetation wird üppiger, das Land allmählich flacher. Und wieder wedeln wir mit unseren Enduros über eine Küstenstraße. Wir parken an der Kaimauer des kleinen Hafenstädtchens Lekeitio. In einem urigen Fischrestaurant genießen wir ein letztes Mal die Früchte des Meeres.
Reiseinfos Pyrenäen
Colera: Hübscher spanischer Küstenort am Mittelmeer. Die sauber und nicht überlaufene Bucht lädt zum Sonnenbaden ein. Über dem Dorf befindet sich ein skurriler Platz mit übergroßen Skulpturen.
Andorra: Einkaufsparadies unter südlicher Sonne. Wer jedoch die Einsamkeit der Bergwelt bevorzugt, findet in den Seitentälern Ruhe und Erholung. Der Campingplatz in la Vella ist sehr zu empfehlen.
Ainsa: Ein Ort wie aus dem Bilderbuch. Mittelalterlicher Marktplatz mit toller Gastronomie. Einmalig der Sonnenuntergang von der Stadtmauer mit den „glühenden“ Pyrenäen im Hintergrund. Campingplatz liegt etwas außerhalb.
Tipps: Anreise zur beschriebenen Tour entweder über die Route del Sole, also die Autobahn Dijon und Lyon. Einfacher und bequemer ist jedoch der Autoreisezug, welcher im südfranzösischen Narbonne Halt macht. Weitere Infos im Internet unter www.autozug.de . Vom Wetter her unbedingt die heißen Sommermonate Juli und August - auch wegen der Ferienzeit - meiden. Besser zur Blütezeit im Mai oder September. Zu fast allen im Reisebericht beschriebenen Enduropisten gibt es beim Blick in die Karte eine alternative Asphaltroute. Empfehlenswert ist die Michelin-Karte 443. Literarische Einstimmung bietet das Pyrenäen-Handbuch von Michael Schuh, ISBN 3-89416-692-4, 624 Seiten.